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IFA 2019 in Berlin - Unterhaltungselektronik

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 17.09.2019, 14:16 Uhr
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Spektakuläres Entree bei LG aus gebogenen OLEDs.
Spektakuläres Entree bei LG aus gebogenen OLEDs.  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Das Ergebnis der IFA konnte sich auch heuer sehen lassen: „So wie die Zahl der Aussteller gewachsen ist, so stieg auch die Qualität und die Menge der Innovationen sowie die Anzahl neuer Produktepremieren, die hier in Berlin erstmals zu sehen waren.“, sagte IFA-Direktor Jens Heithecker.

Im traditionellen Geschäft der IFA, der Unterhaltungselektronik, dominieren seit langem die Bildschirme, kleine und große, während Audio trotz Mehrkanaltechnik und einer Kopfhörerrenaissance an Bedeutung verloren hat. Die Evolution der Bildschirme geht – aus einiger Entfernung betrachtet – einen vorgezeichneten Gang: größere Auflösung mit größerem Farbraum und größerem Kontrast auf größeren Bildschirmen. Im Detail sind die einzelnen Schritte in ihrem Tempo aber nicht vorhersehbar. Die HDR-Diskussion des Vorjahres spielte heuer praktisch keine Rolle mehr. Mit HDR10(+), Dolby-Vision und HLG sind die Mitspieler/Kombattanten etabliert und werden bleiben.

Die 8k-Auflösung gilt bei den asiatischen Herstellern nun fast schon als normal, und gerne wird sie auf 98-Zoll großen Bildschirmen präsentiert. Diese Fläche ist so enorm, daß man nicht mehr wird sagen können, man stellt sich einen Fernseher ins Wohnzimmer, sondern vielmehr umgekehrt: wie disponiert man den Rest des Zimmers um dieses Gerät herum. Bei 98 Zoll ist aber keineswegs Schluß. Wie beiläufig, jedenfalls ohne großes Aufhebens, klotzen etwa Sharp und Skyworth, der Mutterkonzern von Metz, mit einem 120-Zoll-Fernseher.

Neue Bildschirmdisziplinen: Rollen und Falten

OLED wird weiterhin gerne demonstriert und propagiert, weil der Gerätepreis und damit die Gewinnmarge wesentlich höher als bei LCDs liegt. LG kapriziert sich auf den flexiblen Bildschirm und bringt nun die wirklich rollbare Variante auf den Markt. Der auf Lamellen aufgebrachte Bildschirm ist in einem Kasten aufgerollt, fährt bei Bedarf heraus und wird von gleichzeitig entfalteten Stützen seitlich und senkrecht stabilisiert.

Dies ist einerseits ein spektakulärer Effekt, kann aber auch an analoge Filmabende von ehedem erinnern, als die Leinwand in einem ebensolchen Kasten enthalten war und ausgerollt werden mußte. Zudem erfordert der rollbare OLED die Aufstellung auf dem Boden, so daß wandbefestigte Fernseher dafür nicht in Frage kommen. Der zu erwartende Mehrpreis, noch über den OLED-Preis hinaus, wird das Gerät zu einem Nischenprodukt im Luxussektor machen.

Erstaunlicherweise nutzt LG die Expertise bei rollbaren OLEDs nicht im Smartphone-Markt. Mehr oder weniger zufällig brachten nämlich LG und Samsung gleichzeitig faltbare Telefone auf den Markt. Das Samsung-Modell hat bereits eine produktionstechnische Komplikationsgeschichte hinter sich, seit es auf der Mobilfunkmesse Barcelona am Jahresbeginn vorgestellt wurde, die Markteinführung jedoch aufgrund technischer Schwierigkeiten storniert werden mußte. Jetzt hält der Hersteller die Technik offenbar für ausgereift und machte sie dem in einer Warteschlange aufgereihten Publikum in Berlin zum Anfassen zugänglich.

In ausgefaltetem Zustand soll eine durchgehende Folie einen entsprechend großen Bildschirm ermöglichen. Standardanwendungen und –aktionen sollten sich auf dem Frontbildschirm ausführen lassen, so daß das Ausklappen nicht so häufig nötig werden sollte, doch ob und wie hier eine hinreichend lange Lebensdauer der Folie erreicht wird, bleibt dahingestellt. *

LG hat sich auf ein solches Abenteuer erst gar nicht eingelassen, sondern bietet ein Klapptelefon mit einem klassischen Scharnier und nicht unbeträchtlichem Gehäuserahmen an. Ein durchgängiger Videobildschirm war hier nicht das Entwicklungsziel, auch wenn bestimmte Anwendungen über beide Bildschirme erstreckt werden können. Selbst ein klassisches Scharnier ist nicht frei von Anfälligkeit für Defekte, wie man von Laptop-Bildschirmen weiß.

Der Samsung-Ehrgeiz mit dem faltbaren Telefon ist aber auch ökonomisch einigermaßen deplaziert. Das Gerät soll 2100 Euro kosten, während man für die Hälfte der Kosten ein hinreichend großes Tablett plus ein hinreichend ausgestattetes Smartphone erhalten kann. Ein anderer, sicherlich kostengünstiger Vorschlag der vergangenen Jahre wurde ebenfalls ignoriert: dem Telefon einen kleinen LCD-Projektor einzubauen, der bei Bedarf Videos in hinreichender Größe auf eine Unterlage projizieren kann. Daß ein 60“-Fernseher für ein Viertel des Preises zu haben wäre, zeigt die krasse Verschiebung von Nutzerbedürfnissen oder der Marktstrategie.

Sonstige Bildschirmtechnik

Die im Vorjahr effektvoll angekündigten Micro-LED-Bildschirme sollen offenbar nicht so bald in den Massenmarkt kommen. Ob diese Verschiebung technischen Schwierigkeiten oder produktstrategischen Überlegungen geschuldet ist, läßt sich kaum sagen. LG griff das Thema diesmal nicht auf. Samsung präsentiert seine „Wall“ erneut und kündigte auch die Lieferfähigkeit an, adressierte aber nur gewerbliche Kunden oder sehr vermögende Privatleute, die bei den sechsstelligen Preisen nicht zusammenzucken.

Bei TCL sahen wir ein Exponat mit 132“ Größe, das allerdings mit 4k Auflösung gewissermaßen untermotorisiert erscheint. Die Helligkeit bleibt mit 1500 cd/m2 ein wenig hinter den 2000 bei Samsung zurück. Die technische Optimierung scheint also eine keineswegs triviale Aufgabe zu sein. Aber auch Samsung bietet seinen ‚kleinen‘ Bildschirm, 146“, nur in 4k an. *

Panasonic versucht sich am durchsichtigen Bildschirm, der aber noch in einem frühen Entwicklungsstadium zu stecken scheint. Der breite Rahmen steht der beabsichtigten Unsichtbarkeit offensichtlich entgegen. Dagegen geht Samsung bei regulären LCD-Modellen offensiv vor und baut den Rahmen so auffällig, daß die Geräteserie „Serif“ herauskommt – ebenso sockelbetont wie die gleichnamige Typographie. Dies wirkt, zumal mit einem gespreizten Standfuß, einigermaßen preziös, auf jeden Fall ‚retro‘. Kurzdistanz- und Laser-TV-Projektoren führen weiterhin ein Schattendasein.

Kurzdistanz- und Laser-TV-Projektoren führen weiterhin ein Schattendasein. Als unumstößliches Dogma gilt heute, daß Fernseher vernetzt, also ‚smart‘ sein müssen. Folgerichtig werden die Geräte im Handel u.a. mit den Kriterien ‚Netflix‘ oder ‚Maxdome‘ angepriesen, obwohl die Abbildung solcher Diensteanbieter natürlich für das Fernsehen an sich völlig irrelevant ist und sich bereits aus der LAN- oder WLAN-Schnittstelle ergibt. Einen Schritt weiter geht nun Grundig, wenn es den Fire-TV-Dongle von Amazon in eine Geräteserie integriert. „Alexa hat ein neues Zuhause: Ihren Fernseher“, lautet die dazugehörige Botschaft. Um Gottes willen, auch das noch – wird freilich mancher Zuschauer seufzen.

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